Wenn aus Angst Angstaggression wird …

Wenn aus Angst Angstaggression wird …

In diesem Artikel der “Blogparade „FAIR statt fies“ erfahrt ihr, wie Angstaggression beim Hund entstehen kann, wie man ihr vorbeugt und was Angst überhaupt ist.

Ängste beim Hund und die Erziehung eines Hundes durch den Einsatz von furcht- oder angsteinflößenden Strafmaßnahmen wird nicht nur in diversen „Hundeflüsterer-Fernsehshows“ verharmlost, sondern leider auch von ewig gestrigen “Hundetrainern”.

Unbedarfte HundehalterInnen und ihre Hunde werden potenziell gefährdet.

Was ist Angst?

Angst ist ein emotionaler Zustand (state), gekennzeichnet durch Anspannung, Besorgtheit, Nervosität, innere Unruhe und Furcht vor zukünftigen Ereignissen. Angst kann «frei flottierend» ohne klaren Bezug auf den Grund der Angst auftreten; bei klarem Bezug auf das Angst auslösende Objekt wird auch von Furcht gesprochen. Physiologisches Korrelat der Angst ist eine erhöhte Aktivität des autonomen Nervensystems (Stress). Angst ist eine überlebensnotwendige Reaktion auf gefährliche Situationen, (…)

Asendorpf, J. & Caspar, F. (2019). Angst. In M. A. Wirtz (Hrsg.), Dorsch – Lexikon der Psychologie.

Daraus lässt sich ableiten, dass

  • Angst von jedem Hund in unterschiedlicher Intensität empfunden werden kann.
  • ein Hund einen Reiz als bedrohlich empfinden kann – auch wenn für einen Außenstehenden kein klarer Bezug oder Auslöser erkennbar ist. Was der Hund als Bedrohung empfindet, „entscheidet“ der Hund nicht wir!
  • bei Angst ein physiologischer Prozess in Gang gesetzt wird, auf den der Hund keinen Einfluss hat.
  • Angst ein von der Evolution geschaffenes Überlebensprogramm ist.

Im nachfolgenden wird der Einfachheit halber der Begriff Angst zusammenfassend verwendet für Angst, Furcht und Ängstlichkeit.

Der Hund kann nicht aus seiner Haut

Erinnere dich an das Gefühl, dass du empfindest, wenn dich jemand „spaßeshalber“ erschreckt. Du hast absolut keine Kontrolle über diese Emotion, selbst wenn du in der nächsten Sekunde erfährst das es nur „Spaß“ war.

Jetzt stell dir vor du bist ein Hund, der für ein unerwünschtes Verhalten bestraft wird. Wie von Geisterhand scheppert lautstark eine Dose zwischen deinen Pfoten – vielleicht hat sie dich sogar getroffen.

Schlagartig sind deine Muskeln angespannt. Dein Herz beginnt zu rasen. Du hast das Gefühl, dass es dir gleich aus der Brust springt. Dir fällt das Atmen schwerer und du beginnst schneller und flacher zu atmen.

Die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin wurden über einen Nervenimpuls freigesetzt. Etwas später gesellt sich, aktiviert über die „Blut-U-Bahn, Cortisol dazu, dass deine Stressreaktion abermals verstärkt.

Dein Körper wird in „Alarmbereitschaft“ versetzt. Deine Sinne werden geschärft, die Schmerzempfindlichkeit gesenkt, deine Muskelkraft und die Abwehrbereitschaft gesteigert. Dein Körper ist bereit für Flucht oder Kampf.

Die Gesichter der Angst

Das Schaubild von Sprich Hund! stellt das klassische Angstdisplay dar. Zeigt ein Hund mehrere Signale der Angst, sind die meisten Menschen in der Lage diese Angst intuitiv bei ihrem Hund zu erkennen.

Nachfolgend findet ihr noch weitere Anzeichen, die auf die Emotion Angst, unter Berücksichtigung der restlichen Körpersprache und der Situation, hinweisen können:

  • blasse Schleimhäute
  • schnellere und flachere Atmung
  • Muskelanspannung
  • Schuppenbildung
  • plötzlicher Haarausfall
  • Zittern
  • plötzliches Zusammenzucken
  • Speicheln und Hecheln
  • Ggf. Desinteresse an Futter, Leckerchen und Spielzeug

Hunde zeigen nicht immer so offensichtlich, dass sie Angst haben. Was dazu führen kann, dass der Mensch die Signale übersieht und/oder das Verhalten des Hundes fehlinterpretiert.

Befindet sich dein Hund zum Beispiel in einem inneren Konflikt, weil ihm ein gruseliger Mensch ein besonders tolles Leckerli oder Spielzeug anbietet, das er unbedingt haben möchte, wird er mit großer Wahrscheinlichkeit ambivalente (widersprüchliche) Signale aussenden.

Der Hals ist vielleicht lang gestreckt, um sich dem Objekt der Begierde zu nähern, die Rute wedelt eventuell ausschweifend leicht unterhalb der Rückenlinie. Die Mimik und die Ohren sprechen jedoch eine ganz andere Sprache und würden sich am liebsten 3 Meter hinter deinem Hund befinden.

Wenn aus Angst Angstaggression wird

Empfindet ein Hund eine Situation als beängstigend wird er, je nach Wesen, Rasse, Situation, bisheriger Lernerfahrung und Auslöser, auf eine dieser vier Verhaltensstrategien zurückgreifen:

  • Flucht ergreifen – um sich aktiv von der subjektiv empfundenen Bedrohung zu entfernen
  • Erstarren/Einfrieren – wenn der Hund sich in einem inneren Konflikt befindet und sich zwischen Flucht und Angriff nicht entscheiden kann
  • Herumalbern/Übersprungshandlung – wenn der Hund sich in einem inneren Konflikt befindet und nicht weiß wie er sich verhalten soll
  • Kampf/Drohen/Angreifen – wenn der Hund den Konfliktpartner/Auslöser dazu bewegen will, sich von ihm zu entfernen.

Hunde sind meist “Konfliktvermeider” und versuchen sich aus einer für sie beängstigenden oder potentiell bedrohlichen Situation in der Regel ohne Kampf zu befreien. Haben sie jedoch gelernt, dass die anderen Strategien nicht zum Erfolg führen oder der Mensch lässt ihnen keine Wahl, kann das zu angstaggressivem Verhalten führen.

Beispiele die zu Angstaggression führen können:

  • Da muss der Hund durch! Daran muss der Hund sich gewöhnen!
    Es wird versucht dem Hund die Angst vor Menschen oder anderen Hunden zu nehmen, indem er immer wieder der beängstigenden Situation in vollem Umfang ausgesetzt wird.
  • Man muss dem Hund zeigen wer der Chef ist!
    Der Hund wird als Strafmaßnahme von seinem Menschen immer wieder (aus Hundesicht lebensgefährdend) bedroht, indem der Hund am Halsband in die Luft gehoben, körperlich bedrängt oder auf den Rücken geworfen wird. Der menschlichen Fantasie sind leider bei aversiven Umgangsformen keine Grenzen gesetzt.
  • Der Hund darf den Mensch nicht anknurren!
    Distanzsvergrößernde Signale des Hundes werden ignoriert, verboten oder bestraft. (Siehe Eskalationsleiter)
Eskalationsleiter beim Hund

Angstaggression vorbeugen

  1. Lerne die Körpersprache deines Hundes zu lesen! Beobachte jeden Körperteil deines Hundes in entspannten, spannenden und angespannten Situationen. Wie sehen die Augen aus, die Ohren, die Rute, der gesamte Körper?

    Lies zu dem Thema passende Bücher wie Hundeverhalten: Mimik, Körpersprache und Verständigung von Barbara Handelmann oder Calming Signals von Turid Rugaas, sieh dir Webinare/DVDs an, wie Das Kleingedruckte in der Körpersprache des Hundes von Ute Blaschke-Berthold oder besuche die Homepage von Sprich Hund!
  2. Nimm distanzvergrößernde Signale ernst! Dein Hund wird nicht die Weltherrschaft an sich reißen, nur weil du ihm mehr Raum gibst, nachdem er dich angeknurrt hat. Überlege dir stattdessen warum er dich angeknurrt hat. Hast du vorherige Signale übersehen? Hast du ihm gegenüber eventuell unbeabsichtigt eine bedrohliche Körperhaltung eingenommen? Ist gezieltes Training notwendig für diese oder ähnliche Situationen, damit er dieses Verhalten zukünftig nicht mehr zeigen muss?
  3. Sei der Bodyguard und der Fels in der Brandung für deinen Hund! Mach es dir zur Aufgabe deinen (Angst)hund vor Lebewesen, Objekten und Situationen zu (be)schützen, die ihm Angst machen oder mit denen er keinen Kontakt möchte.
    Biete ihm Schutz, wenn dein Hund ihn bei dir sucht und lass ihn nicht allein mit seinen Ängsten!
  4. Arbeite an den Ängsten deines Hundes! Hilf deinem Hund mit gezieltem Training dabei seine Ängste abzubauen, indem er potenzielle Angstauslöser auf eine positive Art und in einer Distanz, die für ihn okay ist, kennenlernen darf. Stichwort: Gegenkonditionierung und systematische Desensibilisierung.
  5. Steigere das Selbstvertrauen deines Hundes! Biete deinem Hund kleine schaffbare Herausforderungen an, die er meistern kann und ihm Spaß machen. Kleine Denksportaufgaben, Wald und Wiesen-Mobility und ähnliche Beschäftigungen.
  6. Verwende im Training mit deinem Hund keine Schreck- oder Schmerzreize! Manche Hunde lassen sich vorübergehend davon beeindrucken, können jedoch auch zu einer tickenden Zeitbombe werden oder in die erlernte Hilflosigkeit fallen. Trainiere stattdessen mit positiver Verstärkung und lehre deinen Hund alternative Verhaltensweisen zu zeigen, statt des unerwünschten Verhaltens.
  7. Bestrafe deinen Hund nicht für das Knurren, Schnappen oder ähnliches! Weder verbal noch körperlich. Behalte die Eskalationsleiter im Kopf und dass es sich hierbei um Kommunikation sowie distanzvergrößernde Signale handelt. Löse die Situation so schnell und neutral wie möglich auf, indem du deinem Hund die Möglichkeit bietest sich zurück zu ziehen und du dich ebenfalls zurückziehst.

Jetzt wird es persönlich

Ich habe vor vielen Jahren unter einer massiven Panikstörung gelitten, sodass ich noch nicht einmal das Haus verlassen konnte. Auch wenn ich inzwischen ein normales Leben führen kann, hat dieser Teil meiner Vergangenheit bis heute seine Spuren hinterlassen und beeinflusst meinen Alltag in gewisser Weise auch weiterhin.

Ich wage zu behaupten, dass ich mich seitdem, aufgrund des selben physischen Prozesses der dabei in Gang gesetzt wird, zumindest ansatzweise in die emotionale Welt eines Hundes versetzen kann, der Angst, Furcht oder Ängstlichkeit empfindet.

Deswegen möchte ich dir zum Abschluss dieses Textes noch mit auf den Weg geben:

Verzichte bitte auf veraltete Trainingsmethoden bei denen mit Angst- oder Schmerzreizen gearbeitet wird. Du liebst deinen Hund, tu ihm diese Hölle nicht an!

Angst ist mit Abstand eine der schlimmsten Emotionen, die ein Lebewesen empfinden kann und hinterlässt im schlimmsten Fall lebenslang ihre Spuren!

Literaturempfehlungen:

  • Stress, Angst und Aggression bei Hunden von Anders Hallgren
  • Angsthunde von Bettina Specht
  • Leben will gelernt sein von Wibke Hagemann und Birgit Laser
  • Die Neuropsychologie des Hundes von James O’Heare

Dieser Artikel wird veröffentlicht im Rahmen der Blogparade „FAIR statt fies“. BloggerInnen der deutschsprachigen Hundeszene, denen ein fairer, freundlicher und gewaltfreier Umgang mit Hunden am Herzen liegt, veröffentlichen vom 10. Oktober bis zum 13. November 2019 ihre Blogartikel rund um Mensch und Hund.    

Schreibe einen Kommentar

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und erkläre mich damit einverstanden, dass meine Daten gespeichert werden.