Ist das Deprivationssyndrom beim Hund therapierbar?

Ist das Deprivationssyndrom beim Hund therapierbar?

Wie entsteht ein Deprivationssyndrom, wie wirkt es sich auf den Alltag des Hundes aus und ist es therapierbar?

Deprivationssyndrom ist der Überbegriff der alle Deprivationsschäden (Mangel an Umwelt- und/oder Sozialreizen) zusammenfasst.

Beim Deprivationssyndrom handelt es sich um eine Entwicklungsstörung. Die Fähigkeit des Hundes sich mit seiner Umwelt auseinander zu setzen ist vermindert und er reagiert „unverhältnismäßig“ auf seine Umwelt. Das kann sich zum Beispiel dahingehend äußern, dass der Hund unsicher bis aggressiv reagiert in Bezug auf andere Lebewesen, Objekte und Situationen. Es ist jedoch nicht jeder Hund, der unverhältnismäßig reagiert automatisch ein deprivierter Hund.

Das Deprivationssyndrom basiert unter anderem auf einem Mangel an Umwelt- und Sozialreizen in den wichtigsten Entwicklungsphasen eines Hundes. Aufgrund der mangelnden Reize während der Entwicklungs- bzw. Sozialisationsphase hat sich das Gehirn des Welpen nicht optimal entwickelt.

Das Deprivationssyndrom besteht ein Leben lang

Der Welpe konnte keine „Fähigkeiten/Strategien“ entwickeln, um mit den alltäglichen Umwelt- und Sozialreizen umzugehen und stuft dementsprechend als erwachsener Hund unbekannte Reize als „potenziell bedrohlich“ ein. Was aus evolutionärer Sicht natürlich Sinn macht, um das Überleben und die eigene körperliche Unversehrtheit zu sichern.

Das Gehirn des Welpen konnte sich somit nicht optimal entwickeln und der Welpe wurde nicht ausreichend auf das Leben vorbereiten. Das erklärt, wieso viele Welpen aus dem Auslandstierschutz aus Tötungs- oder Auffangstationen mit unserem Leben im städtischen Umfeld häufig überfordert sind und Verhaltensauffälligkeiten entwickeln (können).

Wurde ein Welpe in einer Tötungs- oder Auffangstation ausschließlich im Zwinger gehalten, ohne Sozialkontakte oder Umweltreize (Straßenverkehr, Kontakt zu unterschiedlichen Menschen, Sraßenbahn, Staubsauger, Wind, Regen, etc.), besteht die Möglichkeit eines Deprivationssyndroms. Es spielen noch weitere Faktoren eine Rolle, wie unter anderem die Rasse(mischung), das Wesen des Hundes, die sonstige Haltung und wie lange der Welpe dem Mangel ausgesetzt war.

Gezieltes Training hilft!

Durch gezieltes Training können, je nach Schweregrad, Fortschritte erzielt oder Deprivationsschäden kompensiert werden und somit betroffenen Hunden und deren HalterInnen eine bessere Lebensqualität geboten werden.

Meist werden das Deprivationssyndrom, bzw. Deprivationsschäden im Zusammenhang mit Welpen genannt. Jedoch können auch erwachsene Hunde, die während ihrer Welpenzeit ausreichend Umwelt- und Sozialreize kennenlernen durften unter Deprivationsschäden leiden.  Zum Beispiel nach einem längeren Tierheimaufenthalt, reiner Gartenhaltung oder einer schwerwiegenden Verletzung aufgrund dessen sie länger keinen Sozial- und Umweltreizen ausgesetzt waren. Da sich jedoch bei diesen Hunden das Gehirn während der Welpenzeit normal entwickelt hat, ist die Eingliederung in den Alltag mit all seinen Umweltreizen leichter.

Das Leben mit einem Deprivationshund

Ich persönlich bevorzuge es Hunden keinen „Stempel“ aufzudrücken, da das immer einhergeht mit der Setzung von Grenzen des Machbaren. Im Rahmen dieses Artikels mache ich eine Ausnahme.

Loui ist ein Schäferhund-Australien Kelpie Mischling, stammt wahrscheinlich aus der Slowakei, wurde beschlagnahmt (illegaler Welpenhandel) und verbrachte die wichtigsten Phasen unter anderem im österreichischen Tierheim in der Isolierstation, bzw. der Quarantäne. Das was für viele HundehalterInnen normal ist, wie im Sommer die Zeit an der Alten Donau mit eigenem Hund und anderen Hunden zu verbringen, ist für uns nicht möglich. Damit wäre Loui, trotz all des Trainings und den vielen Managementmaßnahmen relativ bald überfordert.

Wir haben Wege gefunden, um sowohl die Bedürfnisse von uns Menschen als auch die von Loui zu berücksichtigen. Genau darum geht es meiner Meinung nach im Zusammenleben mit solch einem Hund. Flogen mein Mann und ich zum Beispiel früher gemeinsam für 3 Wochen nach Südostasien, wurden die Hunde von den Schwiegereltern betreut. Jetzt fliegt mein Mann „alleine“ und ich bleibe bei Loui. Dafür fahren wir jedes Jahr gemeinsam mit ihm für 2 Wochen nach Ungarn in das ruhige Ferienhaus meiner Eltern.  

Wir verbringen diverse Nachmittage bei schönem Wetter an der Alten Donau – auf privatem Gelände. Wir gehen ebenso im Wald spazieren wie andere – nur zu anderen Zeiten als andere. Wir können vieles tun, was andere HundehalterInnen auch mit ihren Hunden machen. Der kleine Unterschied ist lediglich, dass wir dabei auf bestimmte Rahmenbedingungen achten müssen, wie zum Beispiel, dass sich an diesen Orten nicht viele Menschen oder Hunde befinden. Die Umgebung halbwegs ruhig ist und ähnliche Dinge.

Durch Loui habe ich auch wieder gelernt die Welt „entschleunigt“ und mit anderen Augen zu sehen. Ist euch schon einmal aufgefallen wie niedlich Eichhörnchen aussehen, wenn sie kurz innehalten und (dich/deinen Hund) beobachten? Oder wie wunderschön Tau auf einem Grashalm in der Morgensonne glitzern kann?

Viele Dinge, die für mich selbstverständlich waren, habe ich erst durch meinen Hund wieder gelernt wahrzunehmen und wertzuschätzen!

Manchmal ist das Zusammenleben mit Loui eine kleine Herausforderung. In solchen Momenten erinnere ich mich jedoch gerne daran, wie viel wir gemeinsam bereits geschafft haben und welche Perspektive er mich auf die (Um)Welt gelehrt hat. Dafür bin ich meinem Krawutzelchen unendlich dankbar!

Buchtipp:
Leben will gelernt sein – So helfen Sie Ihrem Hund, Versäumtes wettzumachen von Birgit Laser und Wibke Hagemann

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