Ist das Deprivationssyndrom beim Hund therapierbar?

Ist das Deprivationssyndrom beim Hund therapierbar?

Wie entsteht ein Deprivationssyndrom, wie wirkt es sich auf den Alltag des Hundes aus und ist es therapierbar?

Deprivationssyndrom ist der Überbegriff der alle Deprivationsschäden (Mangel an Umwelt- und/oder Sozialreizen) zusammenfasst.

Beim Deprivationssyndrom handelt es sich um eine Entwicklungsstörung. Die Fähigkeit des Hundes sich mit seiner Umwelt auseinander zu setzen ist vermindert und er reagiert „unverhältnismäßig“ auf seine Umwelt. Das kann sich zum Beispiel dahingehend äußern, dass der Hund unsicher bis aggressiv reagiert in Bezug auf andere Lebewesen, Objekte und Situationen. Es ist jedoch nicht jeder Hund, der unverhältnismäßig reagiert automatisch ein deprivierter Hund.

Das Deprivationssyndrom basiert unter anderem auf einem Mangel an Umwelt- und Sozialreizen in den wichtigsten Entwicklungsphasen eines Hundes. Aufgrund der mangelnden Reize während der Entwicklungs- bzw. Sozialisationsphase hat sich das Gehirn des Welpen nicht optimal entwickelt.

Das Deprivationssyndrom besteht ein Leben lang

Der Welpe konnte keine „Fähigkeiten/Strategien“ entwickeln, um mit den alltäglichen Umwelt- und Sozialreizen umzugehen und stuft dementsprechend als erwachsener Hund unbekannte Reize als „potenziell bedrohlich“ ein. Was aus evolutionärer Sicht natürlich Sinn macht, um das Überleben und die eigene körperliche Unversehrtheit zu sichern.

Das Gehirn des Welpen konnte sich somit nicht optimal entwickeln und der Welpe wurde nicht ausreichend auf das Leben vorbereiten. Das erklärt, wieso viele Welpen aus dem Auslandstierschutz aus Tötungs- oder Auffangstationen mit unserem Leben im städtischen Umfeld häufig überfordert sind und Verhaltensauffälligkeiten entwickeln (können).

Wurde ein Welpe in einer Tötungs- oder Auffangstation ausschließlich im Zwinger gehalten, ohne Sozialkontakte oder Umweltreize (Straßenverkehr, Kontakt zu unterschiedlichen Menschen, Sraßenbahn, Staubsauger, Wind, Regen, etc.), besteht die Möglichkeit eines Deprivationssyndroms. Es spielen noch weitere Faktoren eine Rolle, wie unter anderem die Rasse(mischung), das Wesen des Hundes, die sonstige Haltung und wie lange der Welpe dem Mangel ausgesetzt war.

Gezieltes Training hilft!

Durch gezieltes Training können, je nach Schweregrad, Fortschritte erzielt oder Deprivationsschäden kompensiert werden und somit betroffenen Hunden und deren HalterInnen eine bessere Lebensqualität geboten werden.

Meist werden das Deprivationssyndrom, bzw. Deprivationsschäden im Zusammenhang mit Welpen genannt. Jedoch können auch erwachsene Hunde, die während ihrer Welpenzeit ausreichend Umwelt- und Sozialreize kennenlernen durften unter Deprivationsschäden leiden.  Zum Beispiel nach einem längeren Tierheimaufenthalt, reiner Gartenhaltung oder einer schwerwiegenden Verletzung aufgrund dessen sie länger keinen Sozial- und Umweltreizen ausgesetzt waren. Da sich jedoch bei diesen Hunden das Gehirn während der Welpenzeit normal entwickelt hat, ist die Eingliederung in den Alltag mit all seinen Umweltreizen leichter.

Das Leben mit einem Deprivationshund

Ich persönlich bevorzuge es Hunden keinen „Stempel“ aufzudrücken, da das immer einhergeht mit der Setzung von Grenzen des Machbaren. Im Rahmen dieses Artikels mache ich eine Ausnahme.

Loui ist ein Schäferhund-Australien Kelpie Mischling, stammt wahrscheinlich aus der Slowakei, wurde beschlagnahmt (illegaler Welpenhandel) und verbrachte die wichtigsten Phasen unter anderem im österreichischen Tierheim in der Isolierstation, bzw. der Quarantäne. Das was für viele HundehalterInnen normal ist, wie im Sommer die Zeit an der Alten Donau mit eigenem Hund und anderen Hunden zu verbringen, ist für uns nicht möglich. Damit wäre Loui, trotz all des Trainings und den vielen Managementmaßnahmen relativ bald überfordert.

Wir haben Wege gefunden, um sowohl die Bedürfnisse von uns Menschen als auch die von Loui zu berücksichtigen. Genau darum geht es meiner Meinung nach im Zusammenleben mit solch einem Hund. Flogen mein Mann und ich zum Beispiel früher gemeinsam für 3 Wochen nach Südostasien, wurden die Hunde von den Schwiegereltern betreut. Jetzt fliegt mein Mann „alleine“ und ich bleibe bei Loui. Dafür fahren wir jedes Jahr gemeinsam mit ihm für 2 Wochen nach Ungarn in das ruhige Ferienhaus meiner Eltern.  

Wir verbringen diverse Nachmittage bei schönem Wetter an der Alten Donau – auf privatem Gelände. Wir gehen ebenso im Wald spazieren wie andere – nur zu anderen Zeiten als andere. Wir können vieles tun, was andere HundehalterInnen auch mit ihren Hunden machen. Der kleine Unterschied ist lediglich, dass wir dabei auf bestimmte Rahmenbedingungen achten müssen, wie zum Beispiel, dass sich an diesen Orten nicht viele Menschen oder Hunde befinden. Die Umgebung halbwegs ruhig ist und ähnliche Dinge.

Durch Loui habe ich auch wieder gelernt die Welt „entschleunigt“ und mit anderen Augen zu sehen. Ist euch schon einmal aufgefallen wie niedlich Eichhörnchen aussehen, wenn sie kurz innehalten und (dich/deinen Hund) beobachten? Oder wie wunderschön Tau auf einem Grashalm in der Morgensonne glitzern kann?

Viele Dinge, die für mich selbstverständlich waren, habe ich erst durch meinen Hund wieder gelernt wahrzunehmen und wertzuschätzen!

Manchmal ist das Zusammenleben mit Loui eine kleine Herausforderung. In solchen Momenten erinnere ich mich jedoch gerne daran, wie viel wir gemeinsam bereits geschafft haben und welche Perspektive er mich auf die (Um)Welt gelehrt hat. Dafür bin ich meinem Krawutzelchen unendlich dankbar!

Buchtipp:
Leben will gelernt sein – So helfen Sie Ihrem Hund, Versäumtes wettzumachen von Birgit Laser und Wibke Hagemann

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21 Antworten auf Ist das Deprivationssyndrom beim Hund therapierbar?

  • Genau so ist es! Das Leben mit meiner Lahja (spanischer, hübscher Irgendwas- Mix) ist eine echte Herausforderung. Besonders wichtig sind Rituale, denn sie haben ihr Sicherheit gegeben und ein inniges Vertrauensverhältnis geschaffen. Es hat fast 3 Jahre gedauert und sie macht immer noch Fortschritte. Ich habe auf einiges verzichtet, z. B. Besuche von oder bei ihr Fremden und auch Urlaub wurde anders verbracht, nämlich in ruhigen Orten abseits von vielen Menschen. Mein Fazit heute: nicht aufgeben!!! Es braucht seeehr viel Geduld und Liebe, aber jeder Tag “Mühe” und “Verzicht” haben sich gelohnt. Ich hatte nie eine treuere und charmantere Begleiterin als diesen Hund. Mein Leben hat ganz neue Perspektiven und wenn sie ganz entspannt ist und in vertrauter Umgebung, wird sie vor lauter übermütiger Freude zum best clown ever….

    • Liebe Sabine,
      besser könnte ich es auch nicht formulieren!
      Ich wünsche dir noch viel Freude und weiterhin viele Fortschritte mit Lahja. 🙂

      Liebe Grüße

    • Mein Schatz ist ein Rumänischer- Staßenkräuter irgendwas. Seid 1 Jahr ist er nun bei mir und vor ein paar Wochen wurde mir ein Auszug aus diesem Artikel geschickt und ich hab meinen Hund sofort wieder erkannt.
      Wir haben uns schon lange damit abgefunden das unser Hektor irgendwie nicht ganz,, rund läuft” 😀 der beste Weg ist ihn so zu akzeptieren und so zu lieben wie er ist und niemals aufzugeben!
      Es ist der absolute Wahnsinn nach 1 Jahr mit Tränen, Verzweiflung und viel Freude. Endlich zu wissen was mit ihm nicht stimmt und dementsprechend arbeiten zu können vielen herzlichen Dank dafür 🙂

  • Schön, wie du dein Leben mit Loui teilst.
    Ich habe auch so einen Hund, der mein Leben völlig auf den Kopf stellt. Einen Galgorüden, der mit 8 Jahren aussortiert wurde. Nun lebt er seit 3 Jahren bei mir und alles ist anders, als mit einem „normalen“ Hund. Nachdem ich anfangs nich dachte: das wird schon, musste ich feststellen, das es eben nur bis zu einem bestimmten Grad wieder wird. Alles geht sehr langsam, neue Situationen sind zum Fürchten und fremde Menschen sind der Horror.
    Wir halten es wie du, wir gehen auf stillen Wegen spazieren. Gassirunden, die ich früher strammen Schrittes in einer Stunde „erledigte“, werden heute in dreifacher Zeit ein Abenteuer der Entschleunigung. Meist kommen wir gar nicht so weit, denn nach einer halben Stunde ist der Hund bereis „mental ausgepowert“.
    Körperlich ist der Hund trotz eines sicher harten und entbehrungsreichen Lebens topfit, aber das Denken fällt ihm schwer.
    Trotzdem ist er natürlich der beste und liebste Hund der Welt. Wir leben einfach etwas anders.

    • Liebe Sabine,
      ich freue mich immer sehr wenn Menschen, so wie du, bereit sind ihren Hund so anzunehmen wie sie sind und so viel Lebensqualität bieten wie möglich.

      Es sind besondere Hunde und auch besonders liebenswerte Hunde – unsere kleinen Seelchen. 🙂

      Liebe Grüße und noch viele schöne Momente mit deinem Senior!

  • Dankeschön für den informativen Artikel und danke an alle, die einen Kommentar abgegeben haben. Das ist sehr hilfreich für mich. Denn erst heute habe ich das erste mal das Wort Debrivationssyndrom gehört und das macht mir auf einen Schlag klar, was mit meiner Hündin Susi los ist. Auch bei ihr geht alles sehr langsam und Spaziergänge sind kurz und beschaulich. Die anderen Probleme packen wir auch mit viel Liebe, Geduld und Hingabe an. Es ist noch viel nach oben möglich. Liebe Grüsse an alle von Christina

    • Liebe Christina,
      hoppala, ich hatte noch gar nicht reagiert. Entschuldige bitte! Nicht jeder Hund der die “typischen Deprivationssymptome” hat, ist auch tatsächlich depriviert. Letztendlich ist die Bezeichnung auch unwichtig. Wichtig ist nur das was wir Menschen tun, damit unsere Hunde sich sicher und wohler fühlen, insofern sie noch nicht souverän genug sind. Susi kann sich glücklich schätzen ein so empathisches Frauli gefunden zu haben. Ich wünsche euch alles erdenklich Gute und viele gemeinsame Erfolgserlebnisse.

      Liebe Grüße
      Piri

  • Nach zig Hundeschulen und Trainern und der Auskunft meine Jamie sei ein Angsthund der einfach nur überall mit hin müsste um sich an den Stress zu gewöhnen habe ich jetzt zum ersten mal von einem Tierpsychologen die Diagnose Deprivations Syndrom bekommen und wie ich mit Jamie umgehen muss um sie so wenig Stress wie möglich aus zu setzen. Sie war die ersten 8 Monate ihres Lebens nur in einem Zimmer eingesperrt. Dort mußte sie ihr Geschäft machen und Fressen. Ich habe 4 Jahre gebraucht um einigermaßen mit ihr nach draußen zu können. Jetzt habe ich endlich die richtige Diagnose und kann eine Therapie danach ausrichten. Ich liebe sie über alles und bin froh ihr helfen zu können.

    • Liebe Christine,
      es freut mich sehr, dass ihr endlich den passenden Weg gefunden habt. Gerade bei diesen Seelchen ist die “Da muss er durch Methode” so fatal. Es stimmt mich traurig, dass manche Menschen sowas weiterhin empfehlen, insbesondere bei einem Angsthund. Falls du das Buch, das im Beitrag unten verlinkt ist, noch nicht haben solltest, empfehle ich dir es zu besorgen. Es ist wirklich ein sehr gutes Buch zum Thema Deprivation beim Hund.

      Ich wünsche dir und deinem Liebling alles Gute!

      Liebe Grüße

  • Heute habe ich zum ersten Mal von diesem Begriff gehört und gelesen. Und ich denke, auch mein Kleiner fällt in diese besondere Art von Hund. Er ist jetzt 2 1/2 Jahre bei uns und in neuen, ungewohnten Situationen, bei relativ unbekannten Menschen, Gerüchen und/oder allem, einfach ängstlich, fast panisch.
    Alleine das verlassen der Transportbox nach seiner Ankunft dauerte über 3 Monate.
    Er kam mit ca. 7 Monaten aus einem Shelter, in dem er nach Auffinden in einer Erdhöhle, bis zur Adoption lebte.
    Nachdem ich jetzt weiß, daß mein Gefühl, ihm Zeit zu geben nicht falsch ist, werde ich genau diesen Weg weiter gehen!
    Vielen Dank für die ausführliche Erklärung, die bestimmt einigen weiterhelfen könnten, so Sie denn wüssten, daß es dieses „Erscheinungsbild“ gibt……..
    Ich werde in jedem Fall bei derartigen Fragen auf dieses Syndrom hinweisen.

  • Sehr schön und so deutlich beschrieben, was eine “,Wundertüte” aus dem “Tierschutz” Ausland, der Tötungsstation bedeuten kann.
    Ich hatte 16 Jahre einen Hund mit vorher fehlender Liebe, Sozialisation. Wir hatten es gut miteinander und haben gegenseitig viel Geduld miteinander haben müssen.
    Ich bin davon überzeugt, dass man sich vorher in die Augen schauen muss, sich kennenlernen kann, bevor man für viele Jahre miteinander lebt.
    Mein kleiner Hund heißt übrigens auch Loui. Der erste von einem liebevollen Züchter. Mit 12 Wochen zu mir gekommen und mit Liebe und Zuneigung im Bauch.
    Alle meinen anderen Hunde waren von anderen nicht mehr gewollt, aus dem Tierheim, eben überflüssig, aber ich konnte vorher ein bisschen Zeit mit ihnen verbringen, ihnen in die Augen schauen.
    Liebe Grüße an euren Loui, von meinem “natürlich auch” besonderen Loui.

  • Vielen lieben Dank für den Beitrag. Ich hatte heute zufällig von diesem Syndrom gelesen. Meine Hündin, die als Welpe aus Kroatien in eine Famllie mit drei verhaltensgestörten Kindern vermittelt worden war, ist kein “normaler” Hund. Ich habe lange gebraucht, das zu merken. Ihr tw. aggressives Verhalten manchen Hunden gegenüber – nicht immer und nicht bei allen! -, hat mich schon immer schwer gestresst. Ich hatte noch nie einen solchen Hund, der so ganz und gar unberechenbar war. Im Gegensatz dazu liebt sie (erwachsene) Menschen sehr. Damals wurde sie nach 1 Jahr aus ihrem Zuhause rausgeschmissen, es hieß, sie ginge angeblich über Tisch und Bänke. Nach drei Notpflegestellen, die sie ebenfalls loswerden wollten (weil sie den eigenen Hund attackierte bzw. nicht allein bleiben konnte) kam sie zu mir. Meine Hündin war ein paar Jahre zuvor gestorben. Ich trauerte immer noch. Aber einen Pflegehund konnte ich nehmen, Meine Nachbarin wollte sie dann adoptieren zu ihrem weißen Schäfe, leider überlegt sie es sich nach ein paar Monaten anders. Talia war ihr einfach zu anstregend. So behielt ich sie – wider besseres Wissen. Ich wollte nicht, dass sie zu einem Wanderpokal wird. Wir haben anstrengende Zeiten hinter uns und raufen uns immer noch zusammen. Ihre übergroße Angst vor lauten Geräuschen (Silvesterböllder, Schüsse, Sprengungen usw.) wird mit dem Alter immer schlimmer. Unsere schönen entspannten Spaziergänge von einst, werden je nach Jahreszeit immer herausfordernder. (mal ist Jagdsaison, mal ist Silvester, mal gibt es im Sommer Strandfeste mit Knallerei … es gibt so viele laute Geräusche, dass mir das jetzt erst bewusst wird.
    Ich dachte immer, nur meine Hündin wäre so “verquer” unterwegs und ich vermutete schon, dass sie irgendwie im Gehirn “gestört” ist. (Wäre sie ein Mensch, würde ich ihr eine bipolare Störung diagnostizieren) Denn sie kann, wenn sie sich freut, auch total am Rad drehen und gar nicht mehr runterkommen. Und sie kann total teilnahmslos und apathisch sein.
    Nun höre ich von diesem Deprivationssyndrom und verstehe plötzlich alles. (kein Tierarzt hat mir bisher eine passende Diagnose gegeben) Ich denke, in ihrem ersten Zuhause hat sie wenig Kontakt zu Hunden gehabt, wurde überhaupt nicht sozialisiert und wurde von der Mutter zu früh weggenommen – vllt. war sie auf der Straße gestorben? Kurz und gut, ich denke, sie hat alle mäglichen Mangelerfahrungen gemacht und nun muss sie/müssen wir damit irgendwie leben lernen. Zu Anfang war es noch schleichend (nur Silvester), dann verschlimmerte es sich … nun führen laute Geräusche auf Spaziergängen zum Zittern, Hecheln und hängendem Schwanz. Und das bleibt auf dem Spaziergang auch so. Keine Besserung mehr. Zuhause kann sie aber Gott sei Dank noch entspannen – wir leben allein und sehr ruhig.
    Ich werde die vielen Ratschläge beherzigen, noch mehr Rituale in den Alltag einbauen, noch mehr Geduld und Verständnis aufzubringen versuchen.
    ich weiß, sie kann nicht aus ihrer Haut – wenn es ihr möglich wäre, würde sie es mit Freude tun.
    Also vielen Dank für diesen Beitrag – ich weiß jetzt wenigstens, wie das Syndrom heißt und dass es real ist und meine Maus nicht der einzige Hund ist.
    Das hilft mir zumindest zu einem besseren Verständnis.

    • Es freut mich, dass ich zu einem besseren Verständnis beitragen konnte. 🙂 Silvesterangst kann “schleichend” entstehen und bis hinzu einer Generalisierung (allgemeine Geräuschangst) führen. Ich würde dringend empfehlen professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen um dem entgegen zu steuern. Auch wenn es eventuell nicht möglich sein sollte ihr die Ängste generell zu nehmen, verbessert Desensibilisierungstraining doch deutlich die Lebensqualtität für Mensch und Hund.

      Ich wünsche frohe Weihnachten!

      • Ja, professionelle Hilfe würde ich in Anspruch nehmen, aber hier (oben im Norden) gibt es keine entsprechenden Therapeuten. Noch nicht mal die Tierärzte, die ich darauf ansprach, hatten einen Tipp für mich. Außer Beruhigungstabletten – was ich nicht nehme. Auch nich für Talia. Es ist so, dass ich durch den Beitrag doch zumindest ein besseres Verständnis habe für sie, ich weiß nun, woher es rührt. ich denke, mit Geduld und Liebe kann ich etwas tun. Und sollte sich mal hier jemand in der Lage sehen, therapeutisch zu helfen, würde ich hingegen. Aber wie gesagt: niemand konnte mir bisher helfen. Noch nicht mal das Syndrom benennen.
        Auch ich wünsche geruhsame Feiertage und einen friedvollen Übergang ins neue Jahr.
        Liebe Grüße
        Birgit

        • Hier schon geschaut? https://trainieren-statt-dominieren.de/trainer-innen-umkreissuche Falls du da nicht fündig wirst, kannst du mir gerne eine E-Mail mit deiner Postleitzahl und dem Ort schicken und ich hör mich in meinem TrainerInnennetzwerk um.

          In Zusammenarbeit mit einem Tierarzt der die Zusatzspezifikation “Verhaltensmediziner” hat und dafür ausgebildete/n HundeverhaltenstrainerIn kann es schon Sinn machen auf Medikamente zurück zu greifen – wenn Training so gut wie nicht möglich ist ohne diese Unterstützung. Das kann leider tatsächlich der Fall sein bei Hunden die bereits eine generelle Geräuschangst entwickelt haben. Aber natürlich nicht einfach so, da hast du vollkommen recht.

          Ergänzungsfuttermittel, zumindest für so besonders belastende Zeiträume wie jetzt zu Silvester, können jedoch auch ein wenig helfen. Mein Bub bekommt z. B. ab einer Woche vor Silvester immer Sedarom direkt. Das würde ich jedoch trotzdem auch nur in Absprache mit einem Tierarzt geben.

          Ich würde auf jeden Fall das oben verlinkte Buch lesen. Das hilft auch schon sehr weiter.

          Herzliche Grüße und hoffentlich einen nicht all zu lauten Rutsch in das neue Jahr!
          Piri

  • Wir haben seit etwas über einem Jahr eine rumänische Hündin. Sie wird jetzt ca 8 Jahre alt sein und soll, wenn die Geschichte stimmt, als Welpe von der Straße aufgenommen und in ein Shelter gebracht worden sein. Dort hat sie wohl Jahre in einem Käfig auf Holzpaletten verbracht, in ständigem Lärm ( ca 500 his 600 Hunde in dem Shelter ) und entsetzlichem Gestank.
    Dass ein solcher Hund ein Päckchen mit bringt, ist ganz klar. Gundi kannte nichts, kein Gras unter den Füßen, kein Huhn, kein Rind, Pferd, Mülleimer etc…
    Sie war von Anfang an stubenrein, recht schnell leinenführig und ist in ihrem Wesen nur lieb. Anderen Hunden begegnet sie arglos und friedfertig, mit unserer anderen Rumänin, ca 11 bis 12 Jahre alt, kommt sie sehr gut klar.
    Dass sie Zeit zum Ankommen braucht und mit vielen Dingen erst mal völlig überfordert war, ist klar.
    Was mich nur sehr oft verunsichert bzw mir Kummer macht, ist ihre introvertierte Wesensart . Sie versteht oft die Hundekommunikation nicht, wenn sie zum Spielen aufgefordert wird, reagiert sie nur ganz ganz selten, indem sie mal eine Runde rennt. Meistens steht sie nur völlig verständnislos und starrt den anderen Hund an. Mit Spielzeug kann sie gar nichts anfangen.
    Mir tut das so leid. Sie ist so eine liebenswerte, anhängliche und verschmuste Maus. Streicheleinheiten kann sie gar nicht genug bekommen. Ich würde sie sofern mal öfter aus ihrem Schneckenhaus locken. Aber manchmal haben wir den Eindruck, sie ist in einer völlig anderen Welt unterwegs als wir. Sie reagiert dann nicht auf Ansprache, ich muss sie erst berühren, damit sie wieder da ist.
    Gundi liebt Autofahren, Spaziergänge, läuft problemlos ohne Leine mit, wir hatten sie schon mit in Urlaub, sie liebt Wasser.
    Kann sie unter dem Deprivationssyndrom ” leiden ” ? Sie wirkt oft so traurig, wobei man natürlich auch dazu neigt, zu vermenschlichen….
    Ich würde ihr so gerne helfen, ihre Mauer zu durchbrechen, aber tu ich ihr damit überhaupt einen Gefallen?

    • Liebe Claudia, das Deprivationssyndrom ist nur ein “Label”. Häng dich daran bitte nicht auf. Jeder Hund hat seine persönlichen Grenzen. Ich würde dir allgemein zunächst empfehlen deine Hündin gesundheitlich durchchecken zu lassen. Evtl. hat sie eine Seh- und/oder Hörschwäche. Hunde kommen mit sowas recht gut klar und dadurch merken wir Menschen es manchmal erst sehr spät. Manche Hunde sind vom Wesen her auch einfach “introvertiert”. Jeder Hund hat seine eigene Persönlichkeit, genauso wie wir Menschen. Evtl. zeigt ihre Körpersprache auch, dass sie eigentlich keinen Kontakt haben möchte zu den Hunden. Das kann ich nur Anhand deiner Beschreibung nicht beurteilen ohne es selbst gesehen zu haben. Wenn du versuchen möchtest ihre Lebensqualität zu verbessern, dann brauchst du jemanden vor Ort der dich unterstützt. Das Gleiche gilt für das Thema spielen. Nicht alle Hunde spielen mit Spielzeug. Meine Hündin hat sich damals auch absolut nicht für Hundespielzeug interessiert. Dafür liebte sie Spaziergänge, faul in der Sonne herumliegen, schnüffeln und solche Dinge.

      Wenn du eure Lebensqualität erhöhen möchtest, dann empfehle ich dir professionelle Unterstützung zu suchen. Hier findest du gut ausgebildete TrainerInnen: https://trainieren-statt-dominieren.de/trainer-innen-umkreissuche

  • Ich bin sehr froh, diese Seite zufällig entdeckt zu haben…denn auch bei uns lebt seit knapp 1 Jahr ein Deprivations-Hund: Max. Er wurde mit 2 Monaten zusammen mit seinen beiden Brüdern ohne Mama in Bosnien gefunden und in ein Shelter gebracht, das zwar von Deutschland aus initiiert war, jedoch hat man sich im Shelter nicht wirklich darum gekümmert, dass die kleinen Buben sozialisiert werden. Es kamen immer neue Hunde dazu, die dann auch irgendwann vermittelt wurden, aber Max und seine Brüder hockten weiterhin dort rum, insgesamt viereinhalb Jahre (!), bis das Shelter dann geschlossen werden musste und somit auch die ältesten Insassen dort weg mussten.
    Max kam in die Nähe von Rosenheim auf eine nette Pflegestelle, von der wir ihn dann schließlich übernahmen. Er ist ein wirklich lieber Kerl, ein wenig Herdenschutzhund hat er mit im Blut, und er ist nicht aggressiv, sondern verkriecht sich lieber, als nach vorne zu gehen. Wir hatten zuvor bereits insgesamt 4 Hunde aus dem Tierschutz, die aber grundsätzlich das Leben im Haus mit Menschen, den üblichen Geräuschen, mit Besuch, das Gassigehen etc. kannten. Ich hatte zwar damit gerechnet, dass Max ein wenig länger zur Eingewöhnung brauchen würde, aber dass es jetzt, fast 11 Monate nach seinem Einzug, noch immer ein Riesen-Akt ist, mit ihm Spazieren zu gehen (generell das Haus zu verlassen) oder dass er immer noch nicht “gelassen” in unserem Garten sein kann, sondern schaut, wo er sich möglichst verkriechen kann und er noch immer vor den meisten Menschen und auch anderen Hunden panische Angst hat, hatte ich mir so nicht vorstellen können. Inzwischen kann ich einigermaßen mit der Situation umgehen, dass Max einfach viiiiiel Zeit und Geduld braucht und noch brauchen wird. Mein Mann tut sich da schon etwas schwerer, aber auch er freut sich inzwischen über jedes kleine Fitzelchen “Fortschritt”, jeden “guten” Tag. Wir gehen halt auch eigentlich nur unmittelbar bei uns (direkt am Wald) mit Max spazieren, Ausflüge wie mit unseren bisherigen Hunden sind so gut wie nicht möglich, wobei ich da oft mit mir selbst hadere, weil ich nicht sicher bin, ob es gut ist, Max eher “abzuschirmen” oder ob wir ihm mehr zumuten sollten…
    Bei uns im Haus ist er mittlerweile relativ entspannt, auch wenn er in Situationen, die ihm Angst machen, nach wie vor irgendwo raufhüpft, also Couch oder Eckbank. Das gibt ihm scheinbar mehr Sicherheit, als in seinem Bett zu bleiben. Wenn er schläft, träumt er sehr oft sehr heftig, schlägt dann mit den Beinen und wacht auch bei kräftiger Berührung nicht auf – scheinbar muss er immer noch sehr viel verarbeiten. Auffällig ist, dass er noch ängstlicher reagiert, wenn er irgendwo Kinder sprechen oder kreischen hört.
    Falls es irgendwelche Tipps gibt, wie wir Max unterstützen können, freue ich mich über jede Nachricht!

    • Liebe Gaby, es ist sehr gut das Max sich bei euch Zuhause relativ gut entspannen kann. So hat er eine sichere Zone in der sein Körper die Stresshormone wieder abbauen kann, insofern er ausreichend (17 bis 20 Stunden) schläft, bzw. ruht. Ich kann dir leider über das Internet nicht helfen, da insbesondere die Körpersprache deines Hundes Hinweise darauf gibt, wann er noch in der Lage ist zu “lernen” bzw. wann sein Körper beginnt umzustellen auf den “Überlebensmodus”. Zeigt ein Hund bereits Fluchtverhalten ist er bereits mit den Anforderungen der Umwelt überfordert. Beim Training setzt man vorher an. Ich würde dir empfehlen dich intensiv mit der Körpersprache deines Hundes auseinander zu setzten. Die Homepage einer Trainerkollegin aus Deutschland vermittel viel Wissen zu dem Thema: https://sprichhund.de/.
      Desweiteren würde ich dir auch empfehlen eine TrainerIn vor Ort zu suchen die dich unterstützt. Gut ausgebildete TrainerInnen findest du hier: https://trainieren-statt-dominieren.de/trainer-innen-umkreissuche
      Optimal wäre es, wenn du jemanden findest, der auf Angsthunde spezialisiert ist.

      Ich wünsche euch alles Gute!

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